
Für Laien ist das Auffälligste an der Dymaxion-Weltkarte zuallererst wohl ihr etwas gewöhnungsbedürftiger Name. „Wer oder was ist wohl dieser, diese, dieses Dymaxion?“, könnte man sich fragen. Klingt direkt außerirdisch.
Tatsächlich ist diese Wortschöpfung etwas extravagant, vor allem für ihre Zeit. Der Architekt und Tausendsassa Richard Buckminster Fuller, stellte nämlich in den 1920er Jahren extra den Werbe-Experten Warren Waldo an, um sich einen Markennamen kreieren zu lassen. Waldo verbrachte ganze zwei Tage damit, Fullers Ausführungen aufmerksam zu lauschen und so seinen Sprachstil kennen zu lernen – daraus entstand ein zusammengesetztes Wort aus drei Begriffen, die Fuller offensichtlich gerne benutzte: „dynamic“, „maximum“ und „tension“ – Dymaxion eben. Fuller war so beeindruckt, dass er daraufhin nicht nur eine, sondern mehrere seiner Erfindungen mit dieser Marke kennzeichnete, so auch die von ihm erdachte Dymaxion-Weltkarte.
Unschwer an seinen Erfindungen zu erkennen, ist Fullers Vorliebe für faltbare, mobile und praktikable Gegenstände, wie etwa das Dymaxion-Haus. Ebenso lässt sich an seiner Biographie ein großes Interesse an Geographie, Ökologie und Nachhaltigkeit und, selbst an seinen architektonischen Arbeiten, ein Engagement für Ganzheitlichkeit und eine geeinte Welt ablesen.
So verwundert es wohl auch nicht, dass sich der Erfinder früh der Projektion der Weltkugel auf neuartige Weise annahm. Ab 1927 arbeitete er an seiner Dymaxion-Weltkarte, die er 1943 in der Zeitschrift „Life“ erstmals als Ausschneidebogen präsentierte. 1946 ließ er sich sein Projektionsverfahren patentieren und veröffentlichte es 1954 unter dem Namen „The Airocean World Map“.
Neu an Fullers Weltkarte, die aus einem auffaltbaren und auf verschiedene Weisen zusammensetzbaren Polyeder besteht, ist ihre Dynamik – ganz im Sinne des Erfinders. Durch ihre Zusammensetzung aus Dreiecken und Quadraten wird eine geringere Verzerrung der Flächen und Formen im Vergleich mit anderen Projektionen ermöglicht. Abgesehen davon gibt es auf der Dymaxion-Weltkarte weder ein Oben, ein Unten noch ein Zentrum. Der Mittelpunkt der Erde scheint je nach Zusammensetzung anderswo zu liegen. So wird etwa, wird der Nordpol ins Zentrum gerückt, deutlich, dass die Landmassen der Erde zusammenhängen, anstatt in unterschiedliche, durch riesige Ozeane getrennte Kontinente zerteilt zu sein. Wieder wird Fullers Agenda deutlich: die Projektion ist nur für Darstellungen der gesamten Erdkugel gedacht.
Durchsetzen konnte sich die Dymaxion-Projektion bis heute nicht wirklich – weder in Klassenräumen, noch in Knaurs Konversationslexikon ist sie zu finden, ebensowenig wie das Dymaxion-Haus heute noch bewohnt oder das Dymaxion-Auto noch gefahren wird. Im Internet gibt es allerdings, für den von vielen Architektenkollegen als Spinner verspotteten Fuller, viele Bewunderer und Verteidiger des scheinbar verkannten Genies – der sich schließlich am Ende seines Lebens mit 47 Ehrendoktortiteln schmücken durfte.
Foto: Eric Gaba