Sacco

Der Sacco, vielen Menschen wohlbekannt, ist ein anatomischer Stuhl, ein Sitzsack, der sich ganz und gar der Form des Menschen anpasst, der ihn benutzt. Dies wird möglich durch seine einzigartige Zusammensetzung: ein Polsterbezug aus Leder, Kunstleder, Stoff oder Segeltuch, der mit tausenden kleinen Polystyroperlen gefüllt ist – so wird der Stuhl zugleich formlos und formbar. Er kann in jede erdenkliche Position gebracht werden und schmiegt sich jedem noch so großen oder kleinen Hintern perfekt an. Im Original erscheint der Sacco im dunkelroten Lederbezug. Dieser Alltime-Liebling unter den Sitzmöbeln ist das Baby von Piero Gatti, Cesare Paolini und Franco Teodoro, drei italienischen Designern, die ab 1965 fast drei Jahrzehnte zusammenarbeiteten. Er wird, wie so viele andere Design-Ikonen, in Museen rund um die Welt ausgestellt.

Italienisches Sitzen

 

Offenbar wird für die Erfindung eines zeitlosen Sitz-Klassikers nur Folgendes gebraucht: drei italienische Designer und die Firma Zanotta, um ihn zu produzieren. Ein Jahr nach dem großen Erfolg des aufblasbaren Plastikstuhls Blow, entworfen vom Italo-Designer-Trio DDL, wurde der Sacco ab 1968 von Zanotta hergestellt und schlug auf der Pariser Messe im Jahr 1969 wie eine Bombe ein. Alle, die ihn sahen, mussten ihn ausprobieren und alle, die ihn ausprobierten, mussten ihn haben. Dabei ist der Sacco, ebenso wie der Blow, ein Prototyp der 1960er Jahre: durch den Kunststoffboom mussten neue Design-Strategien gefunden werden, die Kunststoffmöbeln den billigen und banalen Beigeschmack nehmen sollten. Erreicht wurde dies vor allem durch neuartige Formen und unkonventionelle Farbgebung. Inspiriert wurde der revolutionäre Sitzsack durch traditionelle Praktiken norditalienischer Bauern, die mit eingesammelten Kastanienblättern ihre Matratzen füllten. Nun soll aber nicht behauptet werden, Gatti, Paolini und Teodoro wären reine Nachahmer gewesen, die die norditalienischen Landwirte um rechtmäßig ihnen zustehende Millionen gebracht haben – schließlich mussten sie die ideale Füllung erst entdecken. Kastanienblätter schieden schnell aus, sie wurden zusammengepresst zu hart und schließlich wollte man auch selbst etwas zur eigenen Erfindung beitragen. Sowohl Wasser als auch Sand, die beiden Materialien an die die Designer zunächst dachten, machten den Sessel tonnenschwer. Sogar Tischtennisbälle wurden ausprobiert, und die könnte man fast als große Brüder der Kunststoffkügelchen bezeichnen, die den Sacco heute füllen – sie sind nur im Fall eines Austretens viel leichter wieder einzusammeln. Womit auch schon der einzige Kritikpunkt an dieser ansonsten unbestritten genialen und für die Menschheit eindeutig unverzichtbaren Erfindung aufgedeckt wäre: Sacco-BenutzerInnen überall auf der Welt werden an dem Versuch, versehentlich entwischte Polystyroperlen wieder aus der Umgebung zu entfernen oder gar zurück in den Sacco zu schaffen, unweigerlich verzweifeln und zugrunde gehen. Gegen die kleinen Zauberkügelchen gibt es kein Gewinnen.

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