
Der „Wiener Kaffeehausstuhl“ – fast jeder kennt ihn und verbindet mit ihm den „Konsumsessel“ oder den „Sessel Nr. 14“. Er gilt als meistgebauter Stuhl der Welt und ist gleichzeitig Kunstwerk, Sammlerstück und Inbegriff des modernen Massenkonsumartikels. Sein Erfinder Michael Thonet gestaltete 1849 zuerst den Sessel „Nummer 1“ für das Gartenpalais des Fürsten Schwarzenberg. Dieser Stuhl ist der Beginn einer neuartigen Stuhlbauweise. Er besteht aus Bugholz, seine Einzelteile sind Fertigteile, die wie im Baukastenprinzip auch mit Teilen anderer Modelle kombiniert werden können. Thonet schuf so die Grundlage für die Typenmöbel und die spätere industrielle Serienproduktion.
Nachfolger von Stuhl Nr. 1 ist unser Wiener Kaffeehausstuhl. Der Stuhl Nr. 14 bestand aus sechs Holzteilen, zehn Schrauben und zwei Muttern. Thonet erfand eine Methode, die es ermöglichte dem Holz eine bis dahin nicht vorstellbare Form zu verleihen. Denn normalerweise bricht beim Biegen von Holz die Außenseite. Thonet erweichte durch Wasserdampf und Kochen das Holz so lange, bis es problemlos gebogen werden konnte. Durch diese neue Konstruktionsweise ging kaum Holz verloren und die Stühle erhielten trotz ihrer grazilen Bestandteile eine große Festigkeit. Thonets Stuhl Nr. 14 war so beliebt, dass er bereits vor dem 2. Weltkrieg 50 Millionen Mal verkauft wurde.
Michael Thonet wurde 1796 in Boppard in Deutschland als Sohn eines Gerbermeisters geboren. Nach Absolvierung einer Kunsttischlerlehre machte er sich 1819 als Möbeltischler selbstständig. Als er 1841 seine ersten Stuhlentwürfe auf einer Ausstellung des Kunstvereins Koblenz ausstellte, wurde der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich auf Thonet aufmerksam und holte ihn und seine Familie nach Wien. In Wien erfüllten Thonet und seine Söhne mehrere berühmte Aufträge, zum Beispiel fertigten sie den Parkettboden und die Bestuhlung des Palais Lichtenstein an. Später übertrug Michael Thonet die Firma seinen Söhnen. Als Michael Thonet 1819 starb, hatte das Untenehmen Gebrüder Thonet Verkaufsniederlassungen in fast allen Ländern Europas, Russland und in den USA. Die Firma Gebrüder Thonet konnte sich trotz der Wirren der Weltkriege und mehrfacher Zerschlagung immer wieder neu begründen und ist bis heute als Firma Thonet GmbH im nordhessischen Frankenberg ansässig.
In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als die gesamten Produktionsanlagen von Thonet und seinen Söhne zerstört worden waren, führte Michael Thonet die Entwicklung beachtenswert progressiver Stuhldesigns fort. Die Firma entwarf schon lange nicht mehr nur Stühle, sondern hatte auch viele weitere Möbelstücke im Sortiment. Die klassischen Werkstoffe, wie zum Beispiel das Bugholz, wurden behutsam ins technologische Heute geführt und verändert. Schon zu Thonets Lebzeiten entstanden zum Beispiel auch Stühle aus Stahlrohr. Wer sich über die Entwicklung des Thonet Designs informieren möchte, kann dies in vielen modernen Museen auf der ganzen Welt tun und natürlich in Michael Thonets Heimatstadt, in Boppard, wo eine Dauerausstellung mit Bugholzmöbeln gezeigt wird. Und falls am Flohmarkt zufällig ein alter Thonet Stuhl angeboten wird, sollte man gut überlegen, ob man sich nicht ein kleines Stück Möbelgeschichte an den Küchentisch stellen will.
Michael Thonet im Web
Dumont Designlexikon, Deutschland